
Vom spielenden Gelingen
- Klavierstücke zum Improvisieren. Anregungen, Beispiele, Empfehlungen, Fortspinnungen
- 3. Buch
Ausgaben
Kaufmaterial
- Artikelnummer
- NM2658
- ISMN
- M-2032-3312-1
- EAN
- 978-3-7333-1874-1
€22.79inkl. MwSt., zzgl. Versand
Beschreibung
- Was bleibt 3 und 4
- Fünf Allusionen zum Schulhoff Blues
- Sechs Suggestionen eines Lydian Samba
- Fünf Imitationen für Johnny
„Vom spielenden Gelingen“: Der Titel der drei von Peter Michael Hamel vorgelegten Notenbände klingt zugleich verheißungsvoll und modisch. Schließlich haben „spielerische“, möglichst niedrigschwellige und mühelose Zugänge zu Musik und zum Musizieren seit einigen Jahren Hochkonjunktur. Doch bereits ein Blick in die kurze Einführung zeigt: Dem Komponisten geht es nicht um ambitionsloses Herumspielen. Er lässt zunächst den Schweizer Kulturphilosophen Jean Gebser zu Wort kommen. Spielendes, also ungezwungenes und müheloses „Gelingen“ ist demnach eine voraussetzungsreiche Angelegenheit, deren Basis: unablässig übende Mühe. Das improvisationspädagogische Konzept, das Peter Michael Hamel in wenigen Worten als „Gebrauchsanweisung“ entwirft, setzt diesen Gedanken konsequent um. Die drei Hefte enthalten insgesamt 25 Klavierstücke, die sich einfach als ansprechende Klavierliteratur spielen lassen. In erster Linie sollen sie aber zum eigenen Gestalten, Variieren und Fortentwickeln herausfordern – ähnlich dem Ansatz, nach dem Hamels Mentor Carl Orff vor Jahrzehnten sein „Schulwerk“ für Kinder konzipierte. Am Ende steht das Ziel freier Improvisation ohne Bindung an das Notenmaterial. So sind die Kompositionen auch als „Baukasten“ musikalischer Elemente und syntaktischer Möglichkeiten zu verstehen, mit deren Hilfe sich das eigene Repertoire vergrößern lässt – eine wesentliche Voraussetzung für künstlerisches Improvisieren im Sinne Hamels: eines „Findens“ als zielgerichtetes Agieren in einem Raum von Möglichkeiten. Spieltechnische Erfordernisse wie das längere Durchhalten repetitiver Strukturen und die Unabhängigkeit beider Hände werden quasi nebenbei trainiert: „übende Mühe“ als Voraussetzung für ein „Spielenlassen“, bei dem man den Händen zusehen kann, wie sie „von selbst improvisieren“. Die Faktur der Stücke – einerseits patternbasiert, andererseits an der Idee einer vokalen, atmenden Gestaltung orientiert – verführt schon bei der Prima-Vista-Lektüre zum selbständigen Fortspinnen, Üben, Nachsinnen über eine mögliche Weiterführung, Vergleichen der eigenen Ideen mit denen des Komponisten, zum spielerischen Weiterimprovisieren: Finger und Geist sind schon nach ein paar gespielten Takten zu autonomem Handeln eingeladen. Protypisch vorgestellt sei das Stück „Vom spielenden Gelingen“ aus der Mitte des zweiten Bandes: Zu Beginn werden die lang ausgehaltenen Töne h und a als Ausgangsmaterial vorgestellt. Aus ihnen formt sich, stets im leisen Bereich des dynamischen Spektrums, ein ebenso minimalistisches wie energiereiches 3+3+2+2+2-Pattern. Durch additive Fortspinnung kommen nach und nach neue Töne und Klangschichten hinzu, beginnend mit jeweils nur einem Ton, dann taktweise einen weiteren Ton hinzunehmend, bis zur Vervollständigung zur sich wiederholenden Achtelkette, die als Ostinato den weiteren Verlauf des Stücks prägt. Aus einer behutsam offengelegten musikalischen Quelle entspringt so nach und nach ein sprudelnder Fluss, der später zur Begleitung für ein Thema im tiefen Register wird. Hinuntergleitende Quarten mit phrygischen Anklängen und das Metrum erinnern entfernt an spanische Musik. Das Thema wandert in höhere Oktaven, zu glockenartigen Quartstapeln erweitert. Gegen Ende des Stückes wird das Prinzip der schrittweisen Erweiterung rückläufig angewandt, bis von der anfänglichen Achtelkette nur noch ein (Schluss-)Ton übrigbleibt. Allzu erwartbaren formalen Abläufen wird kunstvoll aus dem Weg gegangen: Zwar baut sich das Stück zur Mitte hin auf, doch geht die Dynamik bereits vor Erreichen des vermeintlichen Höhepunkts wieder zurück, ohne das Forte erreicht zu haben. Das Ganze wirkt filigran und unprätentiös, der Notentext geradezu asketisch – das Stück kommt ausschließlich mit weißen Tasten aus. Fazit: Peter Michael Hamel hat hier eine Sammlung von Klavierstücken vorgelegt, die tatsächlich vom ersten Ausprobieren an zum Improvisieren und Experimentieren verführen. Empfehlenswert für Klavierunterricht mit Fortgeschrittenen ebenso wie für „klassisch“ geschulte Pianistinnen und Pianisten, die sich im Selbststudium Grundlagen künstlerischer Improvisation aneignen wollen.“
Gabriele Puffer & Nélida Béjar, neue musikzeitung, November 2019
Abdruck mit freundlicher Genehmigung
„Denn jeder Zwang stört die Ordnung der Dinge, die uns umgeben, stört die Beziehungen, die uns mit ihnen und den Mitmenschen verbinden. Die unverläßlichen Stützen des erzwungenen Gelingens sind Rücksichtslosigkeit und Ichverhärtung, die bis zur Ichübersteigerung ausarten kann. Das spielende Gelingen erwächst dagegen aus Rücksichtnahme und Ichüberwindung.“
Jean Gebser
(Vom Spielenden Gelingen)
Das obige Zitat aus einem Text des deutsch-schweizerischen Philosophen Jean Gebser fungiert als Vorwort zur Edition von Peter Michael Hamels Klavierzyklus „Vom spielenden Gelingen“. Eine solche philosophische Einstimmung ins tönende Geschehen ist durchaus charakteristisch für diesen 1947 in München geborenen Komponisten, dessen Schaffen sich im Kontext einer kulturkritischen, von fernöstlichen Philosophien geprägten Lebensanschauung entfaltet. Musik besitzt Hamel zufolge das Potential, Prozesse in Gang zu bringen, die seelische Verhärtungen auflösen und zu einem neuen, gleichsam entgrenzten Bewusstsein führen. Hamels eigene Musik orientiert sich nicht an klassischen Formmodellen, sondern an außereuropäischen Formen der Klangerzeugung, wobei der Improvisation als spontaner „Formulierung des momentanen Einfalls“ (Hamel) eine zentrale Rolle zukommt. In diesem Sinne versteht sich auch der mittlerweile auf drei Bücher angewachsene Klavierzyklus „Vom spielenden Gelingen“ als anregende Anleitung zum Improvisieren. Das dem Rezensenten vorliegende weite Buch enthält zehn aus der Improvisation entstandene, aber in sich geschlossene Klavierstücke, die, so will es Hamel, jeder nach seinem Gusto variieren und fortspinnen kann. […]
Ein zentrales Merkmal der Stücke ist ihre repetitive Struktur. Die ist gerade im längsten Stück – 11 Seiten! – am deutlichsten ausgeprägt, wo Hamel einen gebrochenen Dreiklang als 10/8-Ostinato über 275 Takte fortspinnt, wobei er die Tonhöhen immer wieder minimal verändert. Das kann man ab einer beliebigen Stelle problemlos selbst fortführen. Im titelgebenden Stück „Vom spielenden Gelingen“ wird vorgeführt, wie zu einem rhythmisch-melodischen Ostinato (rechte Hand) ein neuer ostinater Kontrapunkt (linke Hand dazukommt). Sobald er die Dauer des ersten Ostinatos erreicht hat, figuriert er selbst als Ostinato, zu dem sich die rechte Hand improvisierend verhält. Hamels Anweisung dazu lautet: „Das „Repetitive“ in die Finger und in die Hände bekommen. „Spielenlassen“ zur Unabhängigkeit der beiden Hände. Ostinati in verschiedenen Tempi. Sich allmählich vom Notentext lösen.“ Als wenn das so einfach wäre. Aber probieren sollte man es auf jeden Fall.“
Robert Nemecek in PIANONews 1-2019 www.pianonews.de