Werkangaben
- Reihe
- Neue Gitarrenmusik für Musikschule und Jugend Musiziert
- Herausgeber
- Mangold, Maximilian
- Kompositionsjahr
- 2016
Ausgaben
Kaufmaterial
- Artikelnummer
- NM2643
- ISMN
- M-2032-3296-4
- EAN
- 978-3-7333-1859-8
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Beschreibung
"Jörg-Peter Mittmann, geboren 1962 in Minden, erhielt seine künstlerische Ausbildung an der Detmolder Musikhochschule in den Fächern Komposition, Theorie und Oboe u.a. bei Giselher Klebe, Helmut Winschermann und Gernot Schmalfuß. Zugleich studierte er Philosophie und Geschichte, seit 1982 mit Unterstützung der Studienstiftung des Deutschen Volkes. 1992 promovierte er in München mit einer Arbeit über den frühen Deutschen Idealismus. Es folgten eine langjährige Tätigkeit als Lehrer für Musiktheorie an der Musikhochschule Münster sowie Publikationen und Vorträge vornehmlich zu Grenzfragen zwischen Musik und Philosophie. 1990 gehörte er zu den Gründern des Ensemble Horizonte, dessen konzeptionelle und künstlerische Leitung in seinen Händen liegt. In mittlerweile jährlich bis zu 40 Konzerten stellt das Ensemble zeitgenössische Musik, vorzugsweise unter thematischen Leitfäden und im Zusammenwirken mit Vertretern anderer Künste vor. Jörg-Peter Mittmann erhielt verschiedene Preise, Auszeichnungen und Kompositionsaufträge. Zuletzt erschien 2015 bei WERGO seine Portrait-CD „Kontrapunkte“, produziert vom Deutschlandfund und unterstützt von der Kunststiftung NRW. Seine Werke werden international aufgeführt: in der Berliner Philharmonie, im Goethe-Institut Paris, im Schönberg Center Wien, im deutschen Generalkonsulat New York u.v.a.
Neben „Toccata“ für Gitarrentrio schrieb er auch „L'aura serena - musica riservata“ für Gitarre und Harfe sowie zwei größere Ensemblewerke in denen die Gitarre besetzt ist.
Für Jörg-Peter Mittmann ist ein erster Schritt des Komponierens das Zurücktreten vom Instrument und vom Gefangensein in historisch vorgeprägten Spielweisen und Hörerwartungen. Es ist die Fragestellung nach der spezifischen Klangentstehung in allen ihren Variationsmöglichkeiten: berühren, streichen, schlagen, klopfen, zupfen, reißen und somit jede Art der Einwirkung auf den Klangkörper. Diese Überlegungen führten Jörg-Peter Mittmann als Erstes zum Titel des Trios: „Toccata“. Dieser drückt sehr genau die Idee des Stückes aus: „Toccata“ leitet sich ab vom italienischen "toccare", was berühren, aber auch schlagen bedeutet. Entsprechend setzt die Komposition nicht das typische Repertoire an Spielweisen der Gitarre voraus, sondern entwickelt über verschiedenste Weisen das Instrument zu berühren ein Klangspektrum, in dem der sonore Klang mit definierter Tonhöhe eher als Besonderheit denn als Selbstverständlichkeit auftritt, somit aber auch eine besondere Aufmerksamkeit erlangt. ¹
„Toccata“ beginnt mit Klopfgeräuschen, welche in einen solitären sechsstimmigen Cluster-Akkord münden. Das Klopfen wird anschließend mit einem zwar irregulären aber prägnanten südamerikanischen Rhythmus (Betonung auf den Zählzeiten 1, 2und sowie 4) wieder aufgenommen. Dieser Rhythmus ist aus der Tradition bekannt und kann somit gefühlsmäßig erfasst werden, wenngleich es innerhalb dieser Figur zu Verschiebungen kommt. Er erscheint mehrfach im Verlauf des Werkes und bildet gleichsam eine Klammer, welche die ansonsten heterogenen musikalischen Ereignisse zusammenhält. Obwohl irregulär ist er dennoch mitreißend und im Gegensatz zu den häufig in der Neuen Musik anzutreffenden sehr komplexen Rhythmen für Jugendliche attraktiv. Die Klangerzeugung Klopfen verfeinert sich nun durch das Tapping der linken Hand, wie überhaupt das Stück geprägt ist vom Ringen um den klingenden Ton, der sich schrittweise herausbildet. Damit einhergehend weicht die schlagzeugspezifische Notation allmählich der traditionellen Tonhöhennotation. Der Cluster-Akkord erscheint wieder, eine minimalistische Figur tritt daraus hervor und nach und nach werden immer mehr Spielfiguren erkennbar. Auch die Artikulationsweisen des Cluster-Akkordes werden weiterentwickelt. Er kontrastiert mit nicht unvermittelt abgerissenen sondern frei ausschwingenden und sanft tremolierenden Akkorden. Während zu Beginn der „Toccata“ alle drei Gitarren die gleiche Charakteristik aufweisen, differenzieren sich die Stimmen nun mehr aus. Eine flirrend überraschende Vielfalt an polarisierenden Klangerzeugungen, wie bereits in obigem Notenbeispiel sichtbar, baut Spannung auf und strebt dem dramatischen Höhepunkt des Stückes zu, indem alle drei Stimmen, klanglich nicht verfremdet, das „g³“ in kleinen Sekunden scharf dissonant umkreisen. Dem schließt sich der einzige in allen drei Stimmen etwas längere und rhythmisch genau fixierte Abschnitt an. Die Musik fällt zum Schluss jedoch in die anfängliche „Unordnung“ erneut zurück, dies allerdings in einer völlig anderen Grundstimmung. Es ist „wie wenn man eine Bergkette übersteigt und plötzlich in eine neue Landschaft blickt, die in ihrer ungeahnten Weite große Ruhe verströmt.“2) Dies kommt sinnfällig im glockenähnlichen „Büroklammerton“ (Gitarre 3) zum Ausdruck. Das Ende möge den Hörer – so die Intention des Komponisten – zum „klanglichen Weiterdenken“ einladen
„Toccata“ sieht auf den ersten Blick viel komplizierter und aufwendiger aus, als es tatsächlich der Fall ist. Die traditionell notierten Abschnitte liegen sehr gut für die linke Hand, wenngleich es ein paar hohe Stellen und viele Vorzeichen gibt. Gleiche Akkordgriffe werden oftmals nur verschoben. Die SchülerInnen lernen zunächst, die spezifischen Notationsweisen für die einzelnen Spielanweisungen umzusetzen und in schneller Abfolge die wechselnden Techniken zu realisieren. Eine verständlich klare Zeichenerklärung in der Legende erleichtert dies. In der gemeinsamen Probenarbeit wird genau festgelegt, wer wann die Einsätze gibt, bzw. die Zeichen, wann ein Abschnitt beendet wird. Die Tempi der einzelnen Aktionen in den drei Stimmen werden aufeinander abgestimmt und dem vorgegebenen Zeitraster angepasst, wenngleich die Sekundenangaben nur Näherungswerte darstellen. Die rhythmisch fixierten Abschnitte erfordern präzises Erlernen durch Mitzählen."
1) Jörg-Peter Mittmann in: Toccata für drei Gitarren, Vorwort zur Notenausgabe, Verlag Neue Musik Berlin, 2017
2) Jörg-Peter Mittmann im Gespräch mit Maximilian Mangold am 19.9.17
Maximilian Mangold, Auftakt, 4-2017
Abdruck mit freundlicher Genehmigung
