Finnissy, Michael

Pious Anthems and Voluntaries

  • zwei verschränkte Zyklen von vier Chormotetten und fünf Orgelmeditationen

Werkangaben

Kompositionsjahr
2016-19

Ausgaben

  • Leihmaterial

    Artikelnummer
    NM11807
    ISMN
    M-2032-3759-4
    Leihweise

Beschreibung

[9 Stücke: 2 SATB (Chor); 1 SSAATTBB (Chor); 1 SATB Soli + SATB Chor + Flöte (oder Alt-Blockflöte), Violine und Orgel; 2 Orgel solo; 1 für zwei Orgeln; und 2 für Flöte (oder Alt-Blockflöte), Violine und Orgel]

„Denken Sie an das Beispiel des New-Complexity-Komponisten Michael Finnissy, bei dem ich auch einen Meisterkurs besucht habe. Seine Musik ist voller Energie. Die Noten sehen so komplex aus, so detailliert. Auf den ersten Blick wirkt es unspielbar, geradezu unsingbar. Aber wenn man etwa hört, wie Finnissy seine eigenen Kompositionen spielt, zum Beispiel die „English Country Tunes“ für Klavier, dann spürt man die Wucht der Leidenschaft. Ich bewundere diesen großen Komponisten, er ist sehr emotional in seiner Musik und das ist so wunderbar.“

Der Komponist Eriks Ešenvalds im Gespräch mit Burkhard Schäfer, neue musikzeitung, Juli/August 2020

Abdruck mit freundlicher Genehmigung


"Der 1946 geborene Michael Finnissy gehört zweifelsohne zu den bedeutendsten zeitgenössischen KomponistInnen Großbritanniens. Mit "Pious Anthems and Voluntaries" legt der eigentlich eher für seine Kammermusik bekannte Engländer nun einen Zyklus mit geistlicher Chormusik vor, den er zwischen 2016 und 2019 für den renommierten Choir of St. John's College und seinen Dirigenten Andrew Nethsingha komponierte.

Die Struktur des eröffnenden "Dum Transisset Sabbatum" für fünfstimmigen Chor a cappella mutet zunächst fast wie eine Renaissancemotette an: Nachdem der Bass den Beginn des gregorianischen Responsoriums vorstellt, kommen die Oberstimmen sukzessive hinzu und verdichten die Musik zu einem polyphonen Geflecht. Teil des Kompositionsauftrags war es offenbar, Werke zu verarbeiten, die das Repertoire des Chors in der Vergangenheit geprägt haben. Daher finden sich hier nicht zufällig ausdrückliche Parallelen zur gleichnamigen Motette des Alten Meisters John Taverner (um 1490 – 1545), dessen Stilistik Finnissy hier eindrucksvoll parodiert. Im weiteren Verlauf des Werks dominieren aber streng rhythmisierte Melismen und eine abrupt wechselnde, ausschweifende Dynamik – Anforderungen, die auch im darauffolgenden, von Thomas Tallis (1505 – 1585) inspirierten «Videte Miraculum» stets an alle Ausführenden gestellt werden.

Das Zentrum des Zyklus bildet die Kantate "Herr Christ, der einge Gottessohn", die der Fassung Bachs (BWV 96) nachempfunden, aber mit einer kleineren Besetzung kammermusikalisch gehalten ist. Während die Instrumental- und Soloparts sowohl rhythmisch als auch melodisch enorme Virtuosität fordern, ist die Partie des Chores vergleichsweise überschaubar und schlicht gestaltet. Im ersten Satz beschränkt sie sich gar auf den Cantus firmus des titelgebenden Chorals. Auffällig ist, dass Finnissy in seiner Kantate – ganz im Gegensatz zu den A-cappella-Werken – fast keine Dynamikangaben macht, wohingegen die Tempi sehr genau beschrieben sind. Ganz der Tradition folgend wechseln sich hier recht freie Rezitative mit ausdrucksvollen Arien ab – in letzteren werden Melodien teils wörtlich vom barocken Vorbild zitiert. Auch der Schlusschoral wirkt zunächst schlicht und traditionell, bis er schließlich sphärisch verschwimmt.

Im abschließenden doppelchörigen "Plebs Angelica" vertont Finnissy den mittelalterlichen Originaltext im ersten und parallel dazu seine eigene englische Übersetzung im zweiten Chor. Ähnlich wie die Responsorien kommt dieses Werk dynamisch ausladend und äußert spannungsvoll daher, was SängerInnen technisch einiges abverlangen dürfte. Die "Pious Anthems and Voluntaries" sind daher sicher nicht für jeden Chor geeignet. Ambitionierte Kammerchöre, die qualitativ hochwertige zeitgenössische Musik abseits vom Standardrepertoire suchen, finden hier jedoch ein Meisterwerk, das sich vor seinen stilistischen Vorbildern absolut nicht verstecken muss."

Tristan Meister, Chorzeit Nr. 79, Februar 2021

Abdruck mit freundlicher Genehmigung