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- Artikelnummer
- NM955
- ISMN
- M-2032-1113-6
- EAN
- 978-3-7333-0534-5
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Beschreibung
„Der von zwei Kriegen, Gefangenschaft und politischen Krisen schwer gebeutelte Komponist ist uns Zeitzeuge eines ganzen, des 20. Jahrhunderts. Ihm war, wie er selbst formulierte, „zwischen Gesellschafts- und Notensystemen“ ein erfülltes Leben „um die Sache der Musik“ vergönnt. Unter seinem reichen, alle Genres bedienendes Opus, ist sein Streichquartett von 1996 nahezu in Vergessenheit verblieben, jedenfalls noch kaum zu einer angemessenen Wiedergabe gelangt: Die Komposition dünkt als eine dem Titel entsprechende Impression, gemischt aus einer Vielfalt von Klangbausteinen, rhythmischen Motiven und einer melodischen Stimmführung, welche sich dominant auf die Oberstimme konzentriert. Stimmungs-, Takt- und Tempowechsel, betonte chromatische Motivik und dadurch bewusst erzeugte harmonische Reibungen sind einige seiner Mittel, sich in die gewollte virtuelle Szenerie hineinzusteigern. Der Komponist scheint sich bei diesem Opus von Einflüssen und Auswirkungen der klassischen Moderne zunehmend befreit zu haben, verfolgt hier einen eigenen, durchaus persönlichen Stil und erreicht mit seiner Klangfarbenvielfalt eine französischen Impressionisten vorbehaltene Intensität, die erlaubt, mit diesem Quartett den Zauber wechselnder Nachtstimmungen – Aufregung, Angst, Tiergeräusche, Ruhe, Frieden, Träume, Erwachen – erleben zu lassen. Für erfahrene Kammermusiker ein Erlebnisfeld.“
Eckart Rohlfs, neue musikzeitung, Februar 2015
Abdruck mit freundlicher Genehmigung
"Kurt Schwaen gehört zu den Namen, die auch zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Während er im Westen kaum bekannt ist, war er einer der wichtigsten Komponisten in der DDR. Freilich ist er darauf kaum zu reduzieren, umfasste doch sein Leben fast ein ganzes Jahrhundert. 1909 in Kattowitz geboren, starb er 2007 in Berlin und hatte ein sehr bewegtes Leben zwischen Kaiserzeit und Internetzeitalter. Er studierte in Breslau und Berlin und schlug sich während der Radikalisierungen der Weimarer Zeit auf die Seite der Kommunisten. Das brachte ihm drei Jahre Zuchthaus bei den Nationalsozialisten ein, ermöglichte ihm dann aber auch eine Karriere in der DDR. Dort arbeitete er unter anderem mit Ernst Busch und Berthold Brecht zusammen, war aber die meiste Zeit freischaffend tätig. Komposition hat er zwar nie studiert, aber er hatte schon als Kind beim Reger-Schüler Fritz Lubrich Unterricht gehabt, was ihn nachhaltig prägte.
Schwaen schrieb weit über 600 Werke in vielen Genres und für nahezu alle Besetzungen. Zwischen Orchesterwerken und Sololiedern, früher Filmmusik und Bühnenwerken, spielt vor allem die Kammermusik eine wichtige Rolle. Außerdem hat er auch einige Werke speziell für Kinder geschrieben. Sein Werk ist viel zu umfangreich, um es mit wenigen Schlagwörtern belegen zu können. Als ein Neoklassizist im weitesten Sinne hat er nicht den totalen Bruch mit den Traditionen vollzogen, sondern durch diatonisch-modale und rhythmisch markante Werke einen sehr individuellen Stil geprägt. Ein freier Umgang mit der Tonalität ist dabei ebenso charakteristisch wie der Einfluss durch Volksmusik, was sich in Werken für Akkordeon oder Balalaika widerspiegelt. Ihm war es immer ein Anliegen, vom Hörer verstanden zu werden. Seine Werke sind in verschiedenen Verlagen erschienen und werden zunehmend auch eingespielt. Dabei bezeichnet der Verlag Neue Musik Berlin Schwaen als »Hauskomponisten«, weil dort die meisten seiner Werke erschienen sind (Ina Iske im Vorwort der ebenfalls dort 2009 erschienenen Zitate-Sammlung »Du hold Kunst«). Die vorliegenden Nachtszenen für Streichquartett entstanden 1996 und wurden ebenfalls im Verlag Neue Musik verlegt. Auf 22 Partitur-Seiten im übersichtlichen Druck gehört es wie die anderen Werke für Streichquartett zu kleineren Beiträgen für diese Gattung. Außer dem Titel gibt es keine weiteren Hinweise für programmatische Details. Aus den vier Tönen E, gis, g1 und a2, die sich mit dem Cello beginnend und nacheinander einsetzend zum Spannungsklang aufbauen, ist das motivische Material des gesamten Stückes abgeleitet. Den mittleren von drei Sätzen (Adagio molto) durchziehen diese Töne ostinatohaft. Dieser Satz mit seinen rhythmischen Finessen, vor allem in der ersten Violine, hat die größte kompositorische Dichte und die komplexesten Strukturen. Die Ecksätze (Allegro non troppo und Allegro vivo) sind vor allem durch die pulsierenden Achtel im 6/8-Takt bestimmt, die sich zwischen scharfen Dissonanzen und überraschenden Unisoni bewegen. Während Schwaen im ersten Satz mit Taktwechseln zu spielen scheint, wird der dritte Satz außer durch die Kadenz (T. 57) nur durch das leise ausklingende andante am Ende im Puls der bewegten Achtel unterbrochen.
»Was du nicht mit drei Tönen sagst, das sagst du auch nicht mit hundert.« Dieser Ausspruch Kurt Schwaens lädt den Besucher seiner Homepage ein. Das ließe sich auch als Motto so manches seiner Werke sagen. Auch wenn es bei den Nachtszenen letztendlich vier Töne sind, handelt es sich um eine Komposition, die spieltechnisch auch für weniger versierte Spieler gut zu bewältigen ist. Allerdings ist eine gründliche Vorbereitung auf die teilweise komplexen rhythmischen Figuren des zweiten Satzes für die erste Geige unerlässlich. [..] Alles in allem sind die Nachtszenen von Kurt Schwaen eine dankbare Bereicherung für jeden Quartettspieler."
Jorma Daniel Lünenbürger, Die Tonkunst, Juli 2011
"Alles Leichte ist ungewöhnlich schwer"
Kurt Schwaen
Der 1909 im oberschlesischen Kattowitz geborene Kurt Schwaen ist aus dem musikalischen Leben der DDR nicht wegzudenken. Im sogenannten "Dritten Reich" als kommunistischer Widerständler zunächst für drei Jahre ins Gefängnis gesperrt und dann für die letzten zwei Kriegsjahre einem Strafbataillon der Wehrmacht zugeteilt, ließ sich Schwaen nach Kriegsende in Berlin nieder und arbeitete mit Theaterlegenden wie Günter Kunert oder Ernst Busch. Die DDR dekorierte den ausgezeichneten und von hohem Ethos beflügelten Musiker hoch: Ehrendoktorwürden, Nationalpreis, und Karl-Marx-Orden - und selbstverständlich bekleidete er wichtige Ämter. So war er seit 1986 Vizepräsident des Musikrats der DDR. Dass er trotz gelegentlicher Anflüge von Klassenkampf-Kitsch in seinen Werken nicht als "System-Musiker" gelten darf, dafür bürgt nicht nur sein hochkarätiges Werk, sondern auch die Tatsache, dass er nach der Wende auch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Komponiert hat Schwaen viel - und das für alle Besetzungen. Immer auf der Grundlage gemäßigter Moderne, wie wir sie etwa in den neoklassizistischen Werken von Paul Hindemith oder Igor Strawinsky finden. Seine Musik ist tonal - wenn auch scharf gewürzt und mit modernen Spieltechniken versehen. Dadurch bleibt sie auch für Laien verständlich - und spielbar. Kein Wunder, dass sich Schwaens Musik vor allem an ostdeutschen Musikschulen großer Beliebtheit bei Lehrern und Schülern erfreut. Auch die "Nachtszenen" für Streichquartett folgen diesem Muster. Mit ihrem treibenden 6/8-Puls und den sirrenden Dissonanzen wirken sie wie ein Ballett nächtlicher Spukgestalten, die mal hier, mal dort einen überraschenden oder erschreckenden Einblick gestatten. Doch alles bleibt spielerisch, leicht und tänzerisch - eine Gruselmusik für Kinder.
Ensemble, Dezember/Januar 2009
