Werkangaben
- Besetzung
- StrQuar
- Kompositionsjahr
- 1992
Ausgaben
Kaufmaterial
- Artikelnummer
- NM732
- ISMN
- M-2032-0995-9
- ISBN
- 3-7333-0237-0
- EAN
- 978-3-7333-0237-5
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Beschreibung
Die Form eines Streichquartetts ist die höchste und diffizilste Gattung der Kammermusik. Nur sehr erfahrene Komponisten sollten sich an diese Gattung heranwagen.
„… Atem der Statuen. Vielleicht:
Stille der Bilder. Du Sprachen, wo Sprachen
enden. Du Zeit,
die Senkrecht steht auf der Richtung vergehender Herzen.“
Rainer Maria Rilke
Rilkes poetisch-tiefsinnige Umschreibung des Faktums Musik ist der Leitgedanke für meine Komposition, die METAMORPHOSEN für Streichquartett (1992).
Musik ist ein Zentrum geblieben; die Organisation des Zentrums aber hat sich verändert – doch es geht immer wieder um das Entfalten. Entfalten heißt nicht einfach nur die Kalkulation von Spannung – Entspannung, sondern bezeichnet einen Grad der Entwicklung, die der Art bezeichnet ist. Musik ist geformte Zeit und der Musiker nimmt ihre Schwingungen auf, gibt sie weiter – und „… wir sind nicht auf der Erde, um ein Museum zu hüten, sondern einen blühenden Garten voller Leben zu pflegen.“ (Papst Johannes XXIII.)
Zwei Spannungsklänge sind der Ausgangspunkt meiner Komposition und sie bewirken, was in der Folge in Musik geformt wird; es ist bereits ‚Form’ und nicht Material.
Es gibt keine vorkonstruierte 12-Ton-Reihe, sondern ausgehörte Flächenbildungen mit großen Spannungsklängen ergeben den Verlauf und das Ereignis. Was ist ein Ereignis? Es sind Schwingungen, die mit periodischen Bewegungen und Obertönen sich ausbreiten, wie Klangwellen – dabei sind Tondauern, Intensität und Klangfarbe mit in Betracht zu ziehen. Sie werden nicht nur ausgesendet, sondern jede perzipiert ihre eigenen und perzipiert die anderen.
Immer geht es mir um Zentrierung und Konzentration, die ich für die Voraussetzung echter Substanz halte. Die Anwendung von Polyphonie in diesem Fall ist ein filigranes Beweglichmachen von harmonischen Flächen, von Vibration, von Elastizität – also das Gegenteil von starren Klanggebilden oder stereotypen Begleitfloskeln.
Die Spielweise der Instrumente: normal, am Steg, auf dem Griffbrett, mit und ohne Dämpfer – bestimmt die Klangfarbe, die neben der Zeichnung wichtig ist.
Für mich hat Musik mit den Sinn, das Bewusstsein zu läutern, es aufnahmebereit für Umgebungseinflüsse zu machen – aber auch dem Bewusstsein Stille zu geben. Die Stille wirkt in einem musikalischen Prozess symbolisch wie ein Sprung ins Leere; ist aber gleichzeitig für eine Erneuerung der Aufmerksamkeit des Hörens von Bedeutung.
Jede Metamorphose in diesem Quartett hat ihren eigenen Ausdruckscharakter und steht zusätzlich in einem großen Spannungsfeld zu den Antiphonen.
Der „Sinn“ von Musik erschließt sich letztlich nicht in der Beschreibung von Zahlenverhältnissen, sondern offenbart sich im höheren Mitvollzug, durch da Ereignis ihres zeitlichen Verlaufs. Es ist die Sache des Zuhörers (und jeder Zuhörer ist anders), sein eigenes Spektrum an Beziehungen zu dieser Musik zu schaffen. Wesentlich ist, das Ganze nicht additiv zu hören, sondern als Einheit. Wichtig ist also mehrmaliges Hören – auch mit der Partitur. Dann bekommt das relativ Ungewohnte, das Traditionslose für manchen Hörer von heute, möglicherweise eine Verbindung zum Gewesenen.
Wolfgang Stendel (2008)
