
Klavierstück 1
- … durch ein günstiges Geschick vor dem verstümmelten Einfluss desselben geborgen
- für Klavier solo
Werkangaben
- Kompositionsjahr
- 2011
Ausgaben
Kaufmaterial
- Artikelnummer
- NM1434
- ISMN
- M-2032-1814-2
- EAN
- 978-3-7333-0946-6
€16.80inkl. MwSt., zzgl. Versand
Beschreibung
UA am 09. Juli 2011 | Neus Estarellas Calderón, Klavier | Sollermusicfestival Soller (Spanien)
"Das Stück basiert auf der Variation von akkordischen und motivischen Bausteinen, was den Eindruck von facettenreicher Statik erzeugt. Allgegenwärtig sind die verminderten Drei- und Vierklänge und die Achsentöne h und a. Mehrfach tauchen tonale Einsprengsel auf. Meist auf 3 Systemen notiert. Es beginnt wie Beethovens op. 111 mit verminderten Septakkorden, aber im pp. Vielleicht bezieht sich darauf das Motto … durch ein günstiges Geschick vor dem verstümmelten Einfluss desselben geborgen?"
Max Nyffeler, neue musikzeitung, Februar 2013
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der nmz.
Einige Gedanken zum Werk von Thomas Nathan Krüger:
Bereits im Titel des Werkes offenbaren sich zwei Informationen, die für das Hören der Musik hilfreich sein können.
Zuerst die Zahl „1“ - sie verweist auf die Idee eines Werkkomplexes, aus dem das erste Stück herausgenommen wurde. Dieser Werkkomplex ist in diesem Fall ein imaginärer, da bisher keine weiteren Klavierstücke existieren. Vielleicht ist es der Anfang einer Werkreihe, vielleicht aber auch nur der Hinweis auf einen ersten Versuch, sich mit dem Instrument Klavier kompositorisch auseinanderzusetzen.
Der Untertitel des Werkes mag zunächst sehr verstörend klingen. Es scheint doch aber bereits beim ersten Lesen klar, dass dieses Zitat aus einem literarischen Zusammenhang herausgerissen wurde. Eingetippt in eine bekannte Internetsuchmaschine, wird sich der Ursprung desselben schnell finden lassen. Das Zitat verweist auf Friedrich Schillers Text „Über naive und sentimentale Dichtung“ aus dem Jahr 1795. Schillers Ausführungen zur Natur (auch zur Natur des Menschen) und dem Natürlichen in der Kunst lassen sich allerdings weder als klangliche Übersetzung noch als formaler oder gar programmatischer Hintergrund des Werks festmachen. Vielmehr das Moment des „Herausreißens“ von Wortfetzen aus einem semantischen Beziehungssystem (einem vermeintlichen Sinn) scheint zu interessieren. Und so verwundert es schließlich nicht, beim Hören des Werkes auf weitere „Fetzen“ zu stoßen. Diese sind einem Klavierstück von Franz Liszt entnommen: der „Elegie sur de motifs du Prince Ferdinand de Prusse“ aus dem Jahr 1851.
Die Elegie klingt in „Klavierstück 1“ immer wieder an, doch wird sie nie mehr als vier Takte lang geführt, wird weder rhythmischen noch melodiösen Veränderungen unterworfen. Lediglich Oktavierungen werden vorgenommen um fiktive (und somit assoziative) Räume zu erschaffen, in welchen Liszts Klavierstück gedacht und gehört werden kann. So hört man die Melodie als „Spieluhrmusik“ in den höchsten Lagen des Klaviers oder auch als gedämpfte und träge „Unter-Wassermusik“ in den tiefen Basslagen. Diesen Kontexten kann man nun wiederum den Schillerschen Text auferlegen, der somit vielleicht doch noch inhaltlichen Bezug zum Werk erhält.
Die Elegie als eine feste Versfolge von 5-hebigen und 6-hebigen Versmaßen bestimmt die Struktur des Werks. Inhaltlich wird der Begriff der Elegie – ihr verträumter, melancholisch klagender Gestus – radikal verweigert. Lediglich in den kleinen „Liszt-Inseln“ ist vom Charme der klassisch-romantischen Dichtung noch etwas zu spüren. Die gehetzte, stolpernde, und sich stets abrupt ändernde Klanglichkeit ist alles andere als elegisch, obwohl dem Werk eine gewisse Verspieltheit nicht abzusprechen ist. Die Frage nach künstlerischer Identität wird hierbei durch den steten Versuch formuliert, tonal-schimmernde Fetzen einem in sich zusammen brechenden Gerüst gegenüberzustellen. Die auf den gesamten Ambitus des Klaviers verteilten, meist sehr kurz angespielten Akkorde spiegeln somit die stete Angst vor dem Danebengreifen wieder, auch dem kompositorischen Vergreifen in Form von Ausweglosigkeiten wie Liszt-Inseln, Dominantsept-Akkorden, Zentraltönen sowie der gesamten Palette tonaler Beziehungen. Das Stück erscheint somit, wie im Titel angekündigt „verstümmelt“ oder auch zerhackt. Es will nicht zusammenhalten, was nicht zusammen gehört. Es will aber auch „ein günstiges Geschick“ sein, in dem es einen großen Komponisten wie Franz Liszt und dessen Musik weiterhin erklingen lässt – in einem zeitgemäßen Kontext mit künstlerischen Überlegungen zur Problematik von Naivität und Sentimentalität.