Staffel, Andreas F.

Beethoven „offset“

  • (oder ich nehme sie zurück, die neunte Symphonie)
  • für Orchester und Ensemble

Werkangaben

Besetzung
Orch.: 2(Picc).2.2.2(Kfg). - 4.2(B/D).3(ATB).0. - P. - S(2). - Str.(10.8.6.4.2.). Ens.: 2(Picc).2.2.2(Kfg). - 2.2(B).1.1. - S. - Klv. - Cel. - Akk. - Str.(5.4.3.2.1.) - Ch(SSAATTBB). - Zuspiel
Kompositionsjahr
2015-20

Ausgaben

  • Leihmaterial

    Artikelnummer
    NM11954
    ISMN
    979-0-2032-5521-5
    Leihweise

Beschreibung

Ausdrücklich als „Zurücknahme" konzipierte Andreas F. Staffel (*1965) Beethoven off set – oder: ich nehme sie zurück die neunte Symphonie. (...) Hybride ist auch die Besetzung des Werks sowohl mit einem traditionellen Symphonieorchester wie bei Beethovens Neunter als auch einem räumlich entgegengesetzten zwanzigköpfigen Ensemble neuer Musik.
Die vier Sätze folgen der Reihenfolge der Sätze von Beethovens Symphonie. Beide Klangwelten prallen jedoch unvermittelt aufeinander. Das Ensemble nutzt überwiegend erweiterte Spieltechniken. Die Bläser spielen mit Flatterzunge, tonlos, glissandierend, auch Mikrointervalle, die Streicher schlagen mit dem Bogenholz und pressen die Bögen mit Überdruck auf die Saiten. Die geräuschhaften Blas-, Klappen-, Bogen- und Schlagaktionen entfalten ein ametrisches und improvisationsartiges Eigenleben. Nach der Satzeröffnung dominieren sie das klassische Orchester, das fortan nur noch versprengte Beethoven-Fragmente artikuliert.
Nach Auskunft des Komponisten liegt dem Satz die Erfahrung zugrunde, eine Aufführung von Beethovens Werk in der Berliner Philharmonie vor geschlossenen Saaltüren verfolgt zu haben, weil er zu spät kam, sodass die Musik draußen nur extrem gedämpft und gefiltert hörbar wurde und sich mit Geräuschen von der Straße durchdrang.
Den zweiten Satz beginnt das Ensemble ähnlich frei „senza misura", während das Orchester erst später mit dem punktierten Oktavmotiv und Hauptthema von Beethovens Scherzos „Molto vivace" einfällt. Der dritte Satz greift folgerichtig Bruchstücke von Beethovens „Adagio molto e cantabile" auf. Aus dem Orchester sickern einzelne Töne, Intervalle, Akkorde und melodische Linien in das Ensemble, das diese Elemente der eigenen Klanglichkeit anverwandelt. (...) Zudem erklingen – vor allem im Akkordeon – Zitate von fünf jüdischen Liedern aus osteuropäischen Konzentrationslagern, um die „geradezu überirdische Schönheit" von Beethovens „Adagio" mit der menschenverachtenden Wirklichkeit zu konfrontieren.
Der vierte Satz beginnt wie Beethovens Finale ff mit der „Schreckensfanfare", vor allem in den Bläsern des Ensembles, während das Beethoven-Orchester schon nach Takt 3 aussetzt und das Ensemble alleine weiterspielt, dann allerdings nur noch „subito pp". Ein nachfolgendes Solo des Kontrabasses folgt grob der Kontur des ersten Rezitativs bei Beethoven. Der Wiederholung der Fanfare – mit vertauschten Rollen von Ensemble und Orchester – schließen sich wie bei Beethoven weitere instrumentale Rezitative im Wechsel mit den Rekapitulationen der vorherigen Satzanfänge an.
Erklärtes Ziel ist laut Staffels Werkkommentar eine „Entheroisierung der neunten Symphonie und gleichzeitig eine Mahnung vor Missbrauch dieser zutiefst menschlichen Musik durch menschenverachtende Regime und Diktatoren".

Rainer Nonnenmann, DIE MUSIKFORSCHUNG 2/2023
Abdruck mit freundlicher Genehmigung