Werkangaben
- Kompositionsjahr
- 1990
Ausgaben
Kaufmaterial
- Artikelnummer
- NM1699
- ISMN
- M-2032-2230-9
- EAN
- 978-3-7333-1277-0
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Beschreibung
„Die Acht Nachtstücke […] gehen zurück auf den Gedichtzyklus Stufen der Nacht aus der Feder des Arztes und Dichters Gerhard Vescovi (1923–98). Zusammen mit dem Nocturne für Enzensberger, den Notturni lugubri e capricciosi und der Schubert-Paraphrase Nacht und Träume bilden sie eine Werkgruppe, in der Gitarrenklänge und nächtliche Visionen eine enge Verbindung eingehen: Da werden Ängste und Zweifel hörbar, zuweilen auch nachtwandlerischer Übermut. Beginnend mit der Abenddämmerung, wenn alles Gesicherte der Tageshelle entzogen wird, und mit der Morgendämmerung endend wird in acht Sätzen der Verlauf der Nacht nachgezeichnet. […]
I Chimären des Zweifelns
Ein tiefes H. Ein einfacher Ton aus dem Nichts, der „ein bisschen ausdrucksvoll“ sein soll („poco espr.“) und sogleich einen Halbton tiefer kippt. Nichts ist sicher in diesem ersten Teil der Nacht, der eigentlich noch gar nicht zur Nacht gehört. Ausgedehnte Soli des Cellos wechseln sich ab mit federnden Tanzpassagen des gesamten Trios und der eindrucksvolle Klang der Bassflöte sorgt für tiefste Schwärze und einen eindrucksvollen Abgesang „in Nichts“…
II Schwarze Zungen der Nacht
… um sogleich im nächsten Satz einen herrlichen Gesang anzustimmen, der von Cello und Gitarre mit einer ganz traditionell anmutenden Begleitung versehen wird – die sich sogar zu ganz regulären und etwas jazzigen Akkorden zusammensetzen lässt. Weil die Bassflöte mit ihrer großzügig atmenden Melodie bitonal dagegenhält, ergibt sich ein reizvolles harmonisches Wechselspiel, das nach zwölf Takten von einer frei zu spielenden und irisierenden „quasi cadenza“ aufgelöst wird. Der darauffolgende Wechsel ins prestissimo bildet durch Unisono- und Triolenmotivik einen wirkungsvollen Gegensatz, der schließlich in eine zweite Kadenz und eine „ersterbende“ Flageolettpassage des Cellos mündet.
III Ça va, Monsieur Croche?
Die Nacht ist voller Begegnungen – und eine findet hier statt. Wer dieser „Monsieur Croche“ ist, dürfte jedem Musikfreund bekannt sein. Das ausgedehnte Stück überrascht durch seine zahlreichen Anspielungen – darunter eine klassische „Habanera“ und die flirrende und impressionistische Musik dieses Satzes lässt es erahnen: Es ist Claude Debussy, der vielleicht nicht nur wegen seiner Liebe zu außereuropäischen Klängen ein Seelenverwandter Stahmers ist. […]
IV Zeit des Schweigens
Der Titel ist hier wohl im doppelten Sinne zu nehmen: Wörtlich, weil tatsächlich zwei der beteiligten Instrumente schweigen. Und im übertragenen Sinne, weil die Gitarre als Soloinstrument eine kontemplative Einsamkeit heraufbeschwört, die signalisiert, dass hier die Nacht am stillsten ist.
V Maß des Mohns – Rose des Lebens
Zögernder Beginn vereinzelter Töne – wie Tautropfen auf einer Rose: Wohl der durchsichtigste und geheimnisvollste Satz der Nachtstücke. Das gesamte Geschehen spielt sich in den oberen Registern der Instrumente ab und der Flötist greift, nachdem er bereits im dritten Satz die Bassflöte beiseitegelegt und zur großen Flöte gewechselt hat, nunmehr zur Pikkoloflöte, der er zarte und duftige Klänge entlocken soll.
VI Kühle Sternenstraßen
Wir bleiben in den höchsten Regionen. In der Pause zwischen dem fünften und sechsten Satz wechselt der Flötist erneut sein Instrument und lässt die kühle Schönheit der Sternenstraße durch den Klang der großen Flöte erahnen. Cello und Gitarre setzen duftige Akzente, bevor sich alle drei Beteiligten eine wilde Jagd liefern, die an das Flirren verglühender Sternschnuppen erinnert oder an die blitzschnellen Prozesse im Inneren eines Atomkerns. Das ist – auch wegen seiner miteinander verzahnten raschen und häufigen Wechsel der „musikalischen Richtung“ – mit Abstand der schwierigste Satz. Aber auch einer der faszinierendsten.
VII Botschaft aus dem Morgenland
Der erdige Klang der Bassflöte raunt geheimnisvolle Weisheiten aus dem Morgenland und verwandelt sich in unserer klanglichen Vorstellung in eine Ney oder ein Duduk. Der Titel verweist bereits darauf, dass es hier weniger um den musikwissenschaftlich erschlossenen Nahen Osten als vielmehr um den Orient unserer Träume geht.
VIII Reste der Nacht
Fahles Zwielicht kann die Bassflöte aber auch malen: mit überblasenen Pfeiftönen, die zusammen mit den Flageoletts von Gitarre und Cello ein irisierendes Licht ergeben; Glissandi und wischende Bewegungen lassen die hervortretenden „spitzen Töne“ umso stärker hervortreten. Dies ist nicht mehr die Nacht der Romantiker und Nachtschwärmer, der Philosophen und Trinker – dies ist die Morgendämmerung, in der die Stadtreinigung die „Reste der Nacht“ von den Straßen fegt. Und Stahmer wäre nicht er selbst, wenn er nicht in den letzten drei Takten noch einmal ein beinahe wörtliches Zitat des Anfangs unterbrächte: Wo die Nacht endet, beginnt bald schon eine neue …“
Manuel Rösler
Ensemble 4-2014 www.ensemble-magazin.de
